Telefon: +49 371 4 58 41 33
Fax: +49 371 4 58 41 36
E-Mail: kanzlei@ra-kohn.de
Andreas M. Kohn
Fürstenstraße 28
09130 Chemnitz

Abzocke nach Totalschaden

Im Übrigen orientiere sich die Regulierung im Einzelfall selbstverständlich „an den Angaben des Sachverständigen“. Für Bikerin Gisela Schwarz ein Witz. Von den genannten Ausnahmen trifft keine auf sie zu, und ihr Gutachter hatte zur Höhe der Mehrwertsteuer keine Silbe verloren.

Das machen nicht alle. Die Experten der DEKRA taxieren den Wiederbeschaf­fungswert stets „netto bei Regelbesteuerung“. Eine Steilvorlage für die Versiche­rung, die dann die volle Mehrwertsteuer von 16 Prozent einbehalten kann. Völlig anders dagegen, nämlich zugunsten des schuldlosen Unfallopfers, texten die Mit­glieder im „Bundesverband der freiberuflichen und unabhängigen Sachverständigen für das Kraftfahrzeugwesen“ (BVSK).

Geschäftsführer Elmar Fuchs: „Wir empfehlen unseren Sachverständigen, den Hinweis einzufügen, dass üblicherweise lediglich zwei Prozent Mehrwertsteuer im Wiederbeschaffungswert enthalten sind.“

Ein Schutz vor Abzocke ist das aber nicht. Auch Haftpflicht-Gigant Allianz be­hauptet beispielsweise, in jedem Einzelfall streng nach Gutachten abzurechnen. Sie zahle nur dann 16 Prozent weniger, wenn der Sachverständige dies ausdrücklich vermerkt habe. Klingt super nett und kundenfreundlich, ist aber für Sylvia Krotow* aus Nürnberg glatt gelogen.

Für ihren total zerdepperten Opel Corsa zahlte die Allianz statt 2.400,00 Euro nur 2.069,00 Euro. Knapp 14 Prozent weniger – obwohl im Gutachten die Mehrwertsteuer gar nicht beziffert ist.

Den Assekuranzen bringen die „Rechenfehler“ massenhaft Reibach. Wenn Versi­cherer 14 Prozent weniger Schadenersatz an die meist ahnungslosen Unfallopfer rausrücken, sparen sie bei etwa 170 000 fiktiven Totalschadensabrechnungen jähr­lich rund 220 Millionen Euro.

Peter Weyer
Sonderdruck des BVSK

Veröffentlicht im „Stern“ 12/2003
* Namen von der Redaktion geändert